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5. BELLETRISTIK AUS UNGARN IN DEN KORRESPONDENZNACHRICHTEN

Der Berichterstatter war Karl Georg Rumy.®’ Der von ihm angesprochene
Karl August Böttiger veröffentlichte seine Worte und seinem Wunsch
entsprechend auch die beiden Gedichte, das Loblied auf Nina und Theone
eines unbekannten Deutschen und die Antwort der Dichterin Therese Artner.
Beide Gedichte sind Sonette. Beachtenswert ist dabei, dass das Sonett, das
nahezu ein ganzes Jahrhundert hindurch von der Aufklärung verhöhnt, ja
aus der deutschen Lyrik richtig ausgegrenzt war, erst gegen das Ende des
18. Jahrhunderts allmählich wiederentdeckt wurde.‘ Allerdings begann
unmittelbar nach der Jahrhundertwende von 1800/1801? sein neuer
Höhenflug. Plötzlich war es wieder Mode, Sonette zu schreiben und dabei
die technische Versiertheit im Dichten mit dem neu entdeckten Genre zur
Schau zu stellen: In den deutschen Almanachen, Modeblättern, Kalendern
wimmelte es nach 1800 geradezu von Sonetten: In den ersten vier Jahrgängen
der Zeitung für die elegante Welt (1801-1804) finden sich z. B. bereits 30
Sonette unter den insgesamt 139 Gedichten. Das sind 21,5 %!”°

Karl Georg Rumy wie auch der Redakteur Karl August Böttiger versuchten
dementsprechend mit der Veröffentlichung der beiden Sonette in dem
Teutschen Merkur die modernen Trends in der deutschen und ungarischen
Dichtung und vor allem deren fruchtbare Beziehungen zu demonstrieren.
Die Bedeutung, die diesen beiden sozusagen „poetischen Briefen“ von
deutscher und ungarischer Seite beigemessen wurde, veranschaulicht auch
recht deutlich, dass auch Professor Johann Ludwig Schedius in Pest die
beiden Sonette in seiner Zeitschrift von und für Ungern (sogar bereits ein
Jahr vor deren Erscheinung im Merkur) publizieren ließ. Schon wegen der
kulturhistorischen Bedeutung verdienen die beiden Sonette, von uns, wie sie
im Merkur erschienen sind, gelesen zu werden:

An Nina und Theone

Es sproßten, treugepflanzt von Euren Händen,
Der holden Blumen viel in Ungerns Fluren;
Im Strauß gesammelt, blüh’n die edlen Spuren

Verwandter Geister uns als werthe Spenden.

67 Ebd.

68 Von Gottfried August Bürger und August Wilhelm Schlegel.

® Es sei an dieser Stelle an folgende Goetheverse aus seinen ersten Sonetten (um 1800)
erinnert: „Sich in erneutem Kunstgebrauch zu üben / Ist heil’ge Pflicht“; sowie „Nur weiß ich
hier mich nicht bequem zu betten“ („Das Sonett“) und „In der Beschränkung zeigt sich erst
der Meister“ („Natur und Kunst“).

70 Tarnói, László: Unterhaltungslyrik der „eleganten Welt“ in den ersten Jahren des 19.
Jahrhunderts. In: Impulse. Aufsätze, Quellen, Berichte zur deutschen Klassik und Romantik.
Berlin / Weimar: Aufbau-Verlag, 1982, S. 231. ( =Impulse, Bd. 4.) Vgl. auch Tarnöi, Läszlö.:
Parallelen, Kontakte und Kontraste. Budapest: Germanistisches Institut der Eötvös-Loränd¬
Universität, 1998, S. 23 f.