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BILDUNGSREISEN EINES PROTESTANTISCHEN INTELLEKTUELLEN IN DEN 1860ER JAHREN

die Berliner Universität am populärsten.? Der Schwiegervater von Zsilinszky,
der lutherische Pfarrer und Historiker aus Bekescsaba, Lajos Haan (1818-1891)
besuchte z. B. 1841 die Universitäten von Jena und Berlin. Er publizierte 1844
ein Büchlein mit dem Titel Jena Hungarica mit der Biographie von 1249 unga¬
rischer Studenten in Jena.®

Ich habe drei frühe Reisen von Zsilinszky ausgewählt, bei denen er Tagebü¬
cher geschrieben hat. Die erste Reise führte 1861 (nach dem 13. August) von
Berlin aus durch Deutschland in die Schweiz und von dort durch Österreich
nach Hause. Dadurch gehörte sie also noch zum Universitätsbesuch und bildete
einen Teil der Peregrination. Die Kosten wurden offenbar vom Vater finanziert.
(Während seines Aufenthaltes in Berlin, war es auch der Vater, der ihn benach¬
richtigte, dass er zum Lehrer des Gymnasiums von Szarvas gewählt wurde.) Die
zweite Reise führte im Sommer 1862 nach Oberungarn (die heutige Slowakei).
Das letzte Mal reiste er 1864: nach Norditalien und in die Schweiz. Er wurde
in diesem Jahr zum ordentlichen Lehrer ernannt, was zugleich eine Lohner¬
höhung bedeutete. Er musste von einem Kollegen noch 100 österreichischen
Gulden ausleihen. Das war eine längere Reise, wobei er mehrere Wochen in
Zürich („dem Athen der Schweiz“) verbrachte. (Von Pest kam er am 14. Juli in
Triest an, das letzte Datum ist der 24. August in Zürich.)’ Natürlich fuhr er
später noch mehrmals ins Ausland, so z. B. 1877 und 1888 nach Italien, wo er
auch sein Jugendideal, den in Emigration lebenden Lajos Kossuth (1802-1894),
also ein verehrtes „lebendiges Denkmal“ der Politik, besuchte. Er war mindes¬
tens einmal in Frankreich und, leider erst ziemlich spät, 1908 als Teilnehmer
einer organisierten wirtschaftlichen Studienreise in England.

Zsilinszky schrieb in seinen Erinnerungen davon, dass er in den Universi¬
tätsferien große Reisen in Deutschland unternahm, besonders aber an Orte,
wo Luther und seine Mitarbeiter (wie Melanchton) gewirkt hatten. Er dürfte
etwa Jena, Eisleben und Wittenberg besucht haben. Er besuchte aber auch die
Wirkungs- und Grabstätten anderer Reformatoren (Zwingli, Calvin usw.). Im
Jahre 1864 besichtigte er in Genf das berühmte Calvin-Haus, die Kirche, wo
er gepredigt hatte, den Stuhl, in welchem er gesessen hatte, die Denkmäler der

5 "Szögi, László, Békés megyei hallgatók az európai egyetemeken 1918 előtt. In: Barka, Bd. 18.,

Heft 6, 2010, S. 84-88.

Haan, Ludovico: Jena Hungarica sive memoria Hungarorum. Gyulae: Leopoldi Réthy, 1858.
Der schriftliche Nachlass von Mihály Zsilinszky wird im Evangelischem Landesarchiv (Evan¬
gélikus Országos Levéltár) in Budapest bewahrt. Ich habe vor allem die Dokumente seiner
ersten Lebensperiode (bis zum Jahre 1875) geforscht (EOL VIII. 2. 1. und 17-18. d.). Die Rei¬
setagebiicher befinden sich ebenda (18. d. 341-343. cs., es fehlt 340. cs.). Es gibt noch da auch
ein Skizzenbuch von ihm (345. cs.).

® EOL VIII. 2. 17. d. (338. cs.)

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